Papperlapapp - Avignon 2010 - Marthaler; ARTE
Christoph Marthaler ist beratender Künstler (Artist associé)
der 64. Theaterfestspiele von Avignon. Marthalers Inszenierungen leisten mit ihrer poetischen, wie
beiläufig wirkenden Art, sich mit politischen und sozialen Problemen
auseinanderzusetzen, mit ihren bunt zusammengewürfelten Kollagen und vor allem
ihrem unglaublichen Zusammenspiel von Schauspielern, Sängern und Musikern einen
markanten Beitrag zum zeitgenössischen Theater.
Christoph Marthaler und Anna Viebrock arbeiten seit 20
Jahren zusammen. In Avignon inszenieren die beiden Künstler erstmals unter
freiem Himmel. Dem Ehrenhof kommt in „Papperlapapp“ die Rolle eines echten
Protagonisten zu: Das Stück wurde für diese Bühne geschrieben und soll nach
Avignon an keinem anderen Ort zur Aufführung kommen.
Christoph Marthalers Spurensuche kommt wie eine
archäologische Ausgrabung mit Musik daher. Er öffnet Fenster und Gräber, dreht
jeden Stein um, bis er zu seiner eigenen Überraschung auf einer unscheinbaren
Steinplatte etwas entdeckt, das alle bisherigen Gewissheiten über den Haufen
wirft. Vom Staub der Jahrhunderte befreit, kündigt eine lateinische Inschrift
und die danebenstehende Jahreszahl 2010 an, dass die Geschichte des
Papstpalastes erst beginnt und ein entscheidendes Ereignis bevorsteht:
Papperlapapp!
Hintergrundinformationen: Christoph Marthaler wurde in Erlenbach bei Zürich geboren.
In den 70er und 80er Jahren war er als Theatermusiker an diversen
deutschsprachigen Bühnen tätig. Von 1988 bis 1993 arbeitete er kontinuierlich
am Theater Basel, hier inszenierte er unter anderem „Ankunft Badischer Bahnhof“
(1988), „Stägli uf, Stägliab, juhee!“ (1990), „Prohelvetia“ (1993), 1997 folgte
„The unanswered question“ und „20th Century Blues“ (2000). Mit der Inszenierung
„Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!“, 1993, ist
seine neuartige Theatersprache auf den deutschen Bühnen bekanntgeworden. Auf
Marthalers Bühnen scheint die Zeit stillzustehen: Urkomische Choreographien
werden wie in Zeitlupe ausgeführt; dann wieder bringt minutenlange Stille jede
Handlung zum Erliegen, bevor die Protagonisten in um so rasantere Aktionen
verfallen, die trotz aller Hektik aber nirgendwo hinführen - Marthalers
Personen sind Verlierer, manchmal boshafte, aber immer liebenswerte Untertanen
einer unsichtbaren Macht, die Schicksal heißt.
Es folgten Inszenierungen am Hamburger Schauspielhaus und
der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin, die regelmäßig zum Berliner
Theatertreffen eingeladen wurden, zweimal die Auszeichnung „Regisseur des
Jahres“ sowie der Konrad-Wolf-Preis, der Fritz-Kortner-Preis, der Bayerische
Theaterpreis und der Europapreis. Seine Inszenierungen werden weltweit auf
Festivals eingeladen und zum Teil seit über zehn Jahren immer wieder
aufgeführt. Von 2000 bis 2004 war Marthaler Intendant des Schauspielhauses
Zürich, das in dieser Zeit zweimal zum „Theater des Jahres“ gewählt wurde. In
der Saison 2001 inszenierte er unter anderem „Die Schöne Müllerin“ von Franz
Schubert, die aufs Theatertreffen Berlin und auf die RuhrTriennale eingeladen
und für den Nestroy-Preis nominiert war. 2002 brachte er „In den Alpen“ von
Elfriede Jelinek in Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen auf die Bühne,
2003 „Groundings - Eine Hoffnungsvariante“. Diese Inszenierung wurde zum
Berliner Theatertreffen 2003 eingeladen. Ebenfalls 2003 entstand sein Projekt „Lieber
nicht - Eine Ausdünnung“ (nach Melvilles „Bartleby, der Schreiber“), „Invocation“
(Moderato Cantabile) wurde im Rahmen der Zürcher Festspiele uraufgeführt; eine
Oper nach Texten von Marguerite Duras, Musik von Beat Furrer. Mit Meg Stuart
und Stefan Pucher erarbeitete er das Projekt „Das goldene Zeitalter“, es folgte
„Dantons Tod“, diese Produktion wurde zum Berliner Theatertreffen 2004
eingeladen. 2004 wurde sein Liederabend „O.T. Eine Ersatzpassion“ uraufgeführt,
im selben Jahr wurden Christoph Marthaler und Anna Viebrock mit dem
Theaterpreis Berlin 2004 der Stiftung Preußische Seehandlung ausgezeichnet.
In der Spielzeit 2004/2005 hatten die Produktionen „Seemannslieder“
in Gent und „Schutz vor der Zukunft“ bei den Wiener Festwochen ihre
Uraufführungen. Letztere Produktion wurde mit dem Nestroy für die beste Regie
ausgezeichnet. Bei den Bayreuther Festspielen inszenierte er im Juli 2005
Wagners „Tristan und Isolde“. 2005 entstand „Die Fruchtfliege“ und am
KunstenFESTIVALdesArts in Brüssel „Winch Only“. Diese Produktion wurde in
Italien mit dem „Premio Ubu“ ausgezeichnet. „Geschichten aus dem Wienerwald“
hatte im Jahr 2006 an der Volksbühne Berlin Premiere.
2007 inszenierte er „Traviata“ an der Opéra national de
Paris und das Musiktheater „Sauser aus Italien“ über Giacinto Scelsi. Der
Theaterabend „Platz Mangel“ wurde für das Theatertreffen 2008 in Berlin
nominiert. Es folgte eine Inszenierung von „Wozzeck“ an der Pariser Opéra
Bastille. Zum hundertjährigen Jubiläum des Hotel Waldhaus entstand der Abend „Das
Theater mit dem Waldhaus“. Für die Wiener Festwochen erarbeitete Christoph
Marthaler mit Anna Viebrock das Projekt „Riesenbutzbach. Eine Dauerkolonie“,
das auch beim Festival d’Avignon 2009 vertreten war. Ebenfalls 2009 wurde ihm
der Kulturpreis des Kanton Zürich verliehen.
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