Cartes Postales; ARTE

Frankreich 2005 - Thementag: „Montpellier Danse - 30 Jahre Tanzabenteuer“

Klein und bucklig, aber dennoch ein gefeierter Tänzer: Einfühlsam kombiniert Raimund Hoghe in seiner Choreographie „Cartes postales“ Tanz und Musik.

„Cartes postales“ verdeutlicht, wie durch die Kraft der Erinnerung Einsamkeit in Begegnung mündet. Der Körper dient dabei als poetisches Zeichen, mit dem Bilder entworfen werden. Wie aus einer Musikbox ertönt zu jedem Bild ein passendes Lied. Von weit her kommende Postkarten werden vorgelesen und getanzt. Dazu erklingen Lieder über Liebe und Schmerz, wie zum Beispiel von Melina Mercouri, Sophia Loren, Jacques Brel, Gluck und Mahler.

Das sentimentale Tanzstück „Cartes postales“ ist von Hoghes früheren, in ihrer Bühnensprache ebenso außergewöhnlichen Choreographien „Lettere amorose“ und „Tanzgeschichten“ inspiriert. Die gesprochenen Worte, die Musik und die Raumgestaltung untermalen den Dialog zwischen zwei extrem entgegengesetzten Körpern: dem Raimund Hoghes selbst und dem des jungen Tänzers Lorenzo de Brabandere.

Raimund Hoghes Körper entspricht nicht dem gängigen Schönheitsideal: Er ist kleinwüchsig und hat eine verformte Wirbelsäule. Sein gut 30 Jahre jüngerer Tanzpartner Lorenzo de Brabandere dagegen ist groß gewachsen und hat eine athletische Statur. Die beiden Tänzer traten bereits in Hoghes letzten Stücken zusammen auf und sind mittlerweile zu einem Kult-Duo avanciert, das bislang vor allem in Frankreich bekannt ist.

Raimund Hoghes Tanztheater versteht sich als politisches Theater, ohne jedoch dabei die Form zu vernachlässigen. In seinen minimalistischen Stücken trifft die rituelle Strenge des japanischen Theaters auf deutschen Expressionismus und amerikanische Performance-Kunst. Hoghes Welt kann so als eine unendliche Abwandlung von Körperritualen beschrieben werden, denen er auf sanfte, aber kompromisslos minimalistische Weise räumliche und musikalische Form gibt.

Hintergrundinformationen:
Raimund Hoghe arbeitete zunächst als Journalist für „Die Zeit“. Insbesondere verfasste er Porträts von Außenseitern und Prominenten, die später auch als Buch erschienen. Von 1980 bis 1990 arbeitete er als Dramaturg für Pina Bausch am „Tanztheater Wuppertal“, über das er auch zwei Bücher schrieb. Seit 1989 entwickelt er eigene Theaterarbeiten für verschiedene Tänzer und Schauspieler aus Brasilien und Europa. 1994 realisierte er sein erstes Solo „Meinwärts“, dem „Chambre séparée“ (1997) und „Another Dream“ (2000) als Trilogie über das 20. Jahrhundert folgten. 2003 inszenierte er mit zwölf jungen Interpreten „Young People, Old Voices“. Nach Nijinski, Pina Bausch und Martha Graham brachte 2004 auch Raimund Hoghe eine Neuinterpretation von Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ auf die Bühne. Das Duo „Sacre - The Rite of Spring“ tanzt er zusammen mit Lorenzo de Brabandere. Neben seinen Theaterarbeiten drehte Hoghe auch ein einstündiges Selbstporträt für das Fernsehen mit dem Titel „Der Buckel“. Raimund Hoghe lebt in Düsseldorf und hat für seine Arbeiten zahlreiche Preise erhalten, darunter 2001 den Deutschen Produzentenpreis für Choreographie.

Raimund Hoghe über seine Arbeit als Tänzer und Choreograph:

‘Den Körper in den Kampf werfen’, schreibt Pier Paolo Pasolini. Dieser Satz: für mich auch ein Anstoß, auf die Bühne zu gehen. Andere Anstöße: die mich umgebende Realität, die Zeit, in der ich lebe, die Erinnerung von Geschichte, Menschen, Bilder, Gefühle und die Kraft der Musik, ihre Schönheit und die Konfrontation mit einem Körper, der - in meinem Fall - herkömmlichen Vorstellungen von Schönheit nicht entspricht. Auf der Bühne auch Körper zu sehen, die nicht der Norm entsprechen, ist wichtig - nicht nur mit dem Blick auf die Geschichte, sondern auch mit Blick auf Entwicklungen der Gegenwart, an deren Ende der Mensch als Objekt des Designs steht. Zur Frage des Erfolgs: Wichtig ist, arbeiten zu können, den eigenen Weg zu gehen - ob mit oder ohne Erfolg. Ich mache einfach das, was ich tun muss.“



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